Vipassana – 10 Tage des Schweigens

Dhamma Medini Kaupakapapa

Ich bin zurück.
Das Schweigen und meditieren ist vorüber.
Während ich diese Zeilen schreibe, liege ich auf dem Bett in meinem Hostel und mir laufen die Tränen.
Von hieraus geht es morgen gleich weiter ins nächste Abenteuer.
Die Reise quer durchs ganze Land beginnt, mit dem Bus einmal rundum.
Gerade ist das noch soweit weit weg für mich, wobei es doch schon morgen anfängt.
Doch in diesem Moment, fühle ich mich einfach emotional total überfordert, vorhin im Supermarkt kam ich mir vor wie ein Alien.
Alles ging so schnell, die ganzen Menschen, von den Informationen ganz zu schweigen.
Emotional bin ich überfordert.
Selbst das wir gestern bereits das Schweigen in unserem kleinen Paradies gebrochen haben, scheint da wenig geholfen zu haben.
Es ist, wie es ist.
In mir herrscht unruhige See.
Das Meer tobt und braust, da reichen schon Kleinigkeiten, wie limitierter Wifi Zugang, um mich zur Verzweiflung zu bringen.
Wo ist all die Ruhe hin?
Ein Stück weit wahrscheinlich, noch immer dort.
Gleichzeitig realisiere ich wow, 10 Tage Schweigen, vorbei, geschafft.
Puh…
Ich erinnere mich noch gut an die Fahrt mit dem Shuttle von Auckland aus zum Meditationscenter.
Was zur Hölle mache ich hier eigentlich gerade?
Die Landschaft ist echt schön.
Mir doch egal.
Gibt´s noch die Möglichkeit zurückzufahren?
Hallo?
Jemand zu Hause?
Ich muss doch komplett verrückt geworden sein.
Klang das jemals logisch oder nach einer guten Idee?
10 Tage Schweigen, nichts lesen, kein Schreiben, kein Wifi, nichts.
Nada, niente.
Je länger wir fuhren, desto mehr wurde mir bewusst, nein, ein Weg zurück den gibt’s hier nicht.
Als die Straße zu einer Schotterpiste wurde, grummelte mein Magen.
Sind wir hier noch richtig?
Kennt der Fahrer sich aus?
Wir kamen immer weiter weg von jeglicher Zivilisation.
Da ist mir klar geworden, eine Flucht zu Fuß kann ich mir abschminken.
Super.
Klasse.
Andererseits wollte ich es so.
Niemand zwingt mich, außer vielleicht ich selbst.
Richtig.
Da war was.
Jeglicher Zweifel schien nach der Ankunft in unserem neuen zu Hause für die nächsten 10 Tage erstmal vergessen.
Natürlich durften wir da noch sprechen.
Damit war aber bereits kurz nachdem Abendessen Schluß.
Eine Ruhe und Stille legte sich über das gesamte Zentrum.
Sie sollte auch erst am 9. Tag am Vormittag in großes Bienensummen übergehen.
Unser neues zu Hause ist eingebettet in eine grüne Idylle, hier gibt es weder Wifi, TV oder Handyempfang.
Abends singen die Geräusche der Natur, das Rauschen der Blätter und das Singen der Vögel einen in den Schlaf.
Ab sofort wurde kein Wort mehr gesprochen.
Ausnahmen waren Fragen an das Management oder die täglichen 5 minütigen Fragen an unseren Lehrer, wenn wir wollten.
Jeder Tag verlief anhand eines getakteten Zeitplans, der sich nur minimal an Tag 4 und 10 änderte.
Ansonsten wurden wir auf alles anstehende mit einem Gong hingewiesen, sind morgens um 4 Uhr aufgestanden, um abends um 21 Uhr schlafen zu gehen.
In der Zwischenzeit hieß es, meditieren, meditieren, frühstücken, meditieren, ausruhen, Mittag, meditieren, meditieren, Tee und Obst, meditieren, Diskurs, meditieren, schlafen.
Es gab kein Abendessen.
Gut dachte ich, schließlich hab ich mir eine Notvorrat Kekse und Schokolade gekauft, das sollte gehen.
Nichts davon rührte ich an.
Manchmal bin ich ein richtiger Sturkopf!
Zwischendurch wollte ich einfach nur weglaufen.
Meine Sachen packen und gehen.
Getan hab ich es aber nicht.
Aufgeben und weglaufen, das ist keine Option.
Schließlich wollte ich doch zur Ruhe kommen.
Die sollte ich hier mehr als genug bekommen.
Ohne miteinander zu sprechen, gab es mir Kraft, diesen Weg hier, wenn auch jeder für sich, gemeinsam mit den anderen zu gehen.
Meine innere Schlacht allerdings, die musste ich jedoch wie wir alle, alleine ausfechten.
Ehrlicherweise hatte ich ja sowas von keine Ahnung.
Während der Meditationen, der Pausen, fast immer und überall standen Ängste, Erinnerungen oder andere alte Weggefährte für mich bereit.
Standen da ohne das ich sie eingeladen habe.
Toll.
Soviele Dinge waren da, viele von denen ich glaubte schon damit durch zu sein.
Kapitel abgeschlossen.
Fertig, eben.
Nur die halbe Wahrheit.
Bei diesem Kurs ging es genau darum:
„Zu akzeptieren wie es ist, statt wie ich es gerne hätte.“
Eine Meditationstechnik und eine Gleichmütigkeit für unsere Empfindungen sowie die Gedanken zu entwicklen, um sie zu beobachten.
In die Beobachterperspektive zu gelangen, raus aus dem Kreislauf des ständigen Reagierens ins beobachten.
Es kommt, es geht.
Denn es ist nur gekommen, um wieder zu gehen.
Letztlich auf körperlicher Ebene zu erfahren, das nichts, aber auch wirklich rein gar nichts Bestand hat, außer die Veränderung selbst.
Dies ist ein Naturgesetz.
Sobald wir anfangen uns an etwas zu klammern, wird dies ein Elend, ja es muss dort enden.
Gleichmut davon wusste ich vorher nichts.
Dabei heißt es für mich ein neutrales liebevolles beobachten und akzeptieren dessen was gerade ist.
Nur das wird auf Dauer helfen aus dem Kreislauf des Verlangens (immer mehr haben wollen) und der Abneigung/Widerstand rauszukommen.
Anders weiß ich es gerade nicht zu beschreiben.
Plötzlich machte so vieles Sinn.
Wieviele Bücher habe ich gelesen und doch vieles intellektuell nur oberflächlich verstanden.
Gefühlt oder erlebt selbst habe ich es jedoch nie.
Woher will ich, kann ich also wissen, dass es auch so ist?
Während des Kurses gab es fast keinen einzigen Tag, an dem mir nicht die Tränen liefen vor Traurigkeit oder Freude egal.
Ich habe gekämpft, getrotzt doch erst als ich anfing zu akzeptieren, was eh da ist, ging es mir besser, befreite ich mich von meinem Schmerz.
Am Ende ist es ab dem Moment, in dem wir als Baby unsere Augen öffnen nur den Blick nach außen.
Eine andere Perspektive ist uns selten gegeben, scheint so als ob das draußen alles sei worum es geht.
Dabei lernen wir selten den Blick nach innen zu richten, eine Beziehung zu dem wohl wichtigsten Menschen in unserem Leben aufzubauen , zu uns selbst.
Denn eins sollten wir alle nie vergessen: „Ohne uns ist alles nichts!“
Mich überwältigte die Aussage, die ich eines Abends in unserem Diskurs hörte (dort bekamen wir Wissen zu dem was wir gelernt haben), ab dem Moment wo wir auf die Welt kommen, laufen wir mit jedem Schritt den wir machen auf den Tod zu.
Meine eigene Endlichkeit ist mir zwar bewusst gewesen, dennoch ist dies nochmal eine ganz andere Art der Betrachtung.
Wenn dies so ist, frage ich mich:
Wie will ich diesen Weg dorthin gehen?
Fröhlich tanzen und lachend?
Niemand weiß wieviel Zeit jedem von uns vergönnt ist, hier auf dieser Welt.
Ist es dann nicht an der Zeit herauszufinden, ob ich gerade wirklich ein Leben lebe das mir gefällt?
Und falls nicht was ich daran ändern kann?
Der wahre Feind ist nämlich in Wirklichkeit nicht im außen zu suchen oder gar zu finden, er ist in uns.
Das durfte ich am eigenen Leib erfahren.
Und wie.
30 Jahre, die ich auf dieser Welt nun schon sein darf sind an mir in diesen Tagen vorübergezogen.
Plötzlich war alles, fast jedes kleine Detail, da aus meinem Leben.
Die schönen ebenso wie die harten, traurigen.
Sogar die längst vergessenen Dinge sind zurück.
Mitunter war ich voller Angst, Wut, Verzweiflung, Stolz, Dankbarkeit und voller Liebe.
Eins ist nämlich gewiss, jedes noch so kleine Detail meiner persönlichen Geschichte, macht mich zu genau dem Menschen, der hier gerade auf dem Bett liegt.
Dem auf den ich stolz bin.
Irgendetwas von allem zu bereuen, wäre bereuen wer ich bin.
Heute kann ich sagen, der Kurs war hart, super anstrengend, andererseits macht er mich stark, lässt mich noch mehr wissen wer ich bin und was da alles schon immer in mir war.

Voller Dankbarkeit denke ich gerade an den gestrigen Austausch mit all den wundervollen Menschen, die mit mir den Weg gegangen sind zurück.

Danke für eure guten Wünsche, die Offenheit, die Unterstützung und euer Vertrauen.

Schön, dass es euch gibt!

Für die Hingabe, die Organisation, das leckere Essen sowie alles was ich in diesen Tagen lernen durfte geht mein Dank an das gesamte Team des Dhamma Medini Center in Kaupakapapa.

http://medini.dhamma.org/

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.