Ein Stück vom Paradies

Cathedral Cove

Ich kann immer noch nicht richtig fassen, dass das alles heute, also an diesem einen Tag passiert ist.
Wahnsinn.
Heute Morgen ganz früh musste ich mich von meinen Freunden hier verabschieden.
Einerseits traurig, andererseits eine Notwendigkeit, um weiter zu gehen.
Denn diese Reise hat gerade erst begonnen und wird noch einige Zeit andauern.
Also hieß es Sachen packen, verabschieden, Rucksack auf und los.
Weiter.
Rein in den Bus.
Nachdem ich das alles hier noch nie zuvor gemacht habe, also weder Backpacking noch alles aufgegeben (Job und Wohnung gekündigt Rucksack gepackt und los) überfordert mich das ganze zwischendurch schon.
Das fängt bei Kleinigkeiten wie was koche ich, für wieviele Tage kaufe ich ein, bis hin zu, brauche ich noch was oder reicht das was ich habe….
Lernen darf ich hier durch zu schauen und fragen, der anderen die auch mitreisen.
Lustig, manchmal steht man gemeinsam da und fragt sich dasselbe.
Sofort ist eine Verbindung da.
Ich liebe reisen.
Herrlich.
Aber nun zurück zum heutigen Tag.
Nach einem kurzen Halt im Supermarkt ging es zum Cathedral Cove.
Wow.
Zugegeben, der Weg dahin, bergrauf bergrunter wird nicht mein Liebling werden, doch die Ankunft am Ziel entschädigt für alles.
Durch die Höhle hindurch auf das offene Meer zu schauen.Cathedral Cove Beach
Ein Stück vom Paradies, ganz sicher, das muss es sein.
Gleich darauf bin ich nun zum ersten Mal seitdem ich da bin, ins Wasser gegangen.
Okay, vielmehr gerannt.
Zu groß die Vorfreude auf die Erfrischung.
Im Wasser angekommen spürte ich einfach nur tiefe Dankbarkeit und Erfüllung.
Dankbar dafür das hier erleben zu dürfen, fühlen zu können.
So ist das wenn Träume wahr werden.
Nachdem ich mir dann auf unserem Campingplatz heute ein Abendessen gemacht habe, saß ich noch kurz mit den anderen zusammen.
Irgendwann gab es wieder diesen Moment.
Den, den ich nur allzu gut kenne.
Wie oft hatte ich diesen Impuls schon?
Unzählige Male.
Und wie oft unterdrückte ich ihn.
Dachte das geht nicht, das kann ich doch nicht machen.
Was denken dann die anderen von mir.
Ich bin ein schlechter Mensch, oh Gott.
Und so weiter und so fort.
Heute war es anders.
Statt es wieder einmal zu unterdrücken bin ich ihm diesmal gefolgt, meinem Impuls.
Packte meine Sachen und ging.
Rucksack auf, Musik in die Ohren und auf gehts.
Laufen, einfach loslaufen.
Weg von den anderen, hin zu mir.
Für mich.
Endlich.
Mit jedem Schritt den ich ging, fühlte es sich besser an.
Am Anfang kamen noch die alten Gedanken, jedoch verließen sie mich mit jedem weiteren Schritt den ich ging.
Wieviele Jahre brachte ich damit zu, es zu verstecken, mich falsch zu fühlen, nicht so zu sein wie die anderen und mich dafür fertig zu machen, mich zu verurteilen.
Zwang mich selbst dazu, so zu sein, wie die anderen.
Normal, wollte dazugehören.
Je mehr ich das tat, desto schlimmer wurde es.
Als ich am Strand ankam, fühlte ich mich so geborgen und sicher.
Beim Blick auf die Wellen, fing ich an mit den Füßen drin zu spielen.Spaziergang am Hot Water Beach
Ein großes Gefühl der Freiheit überkam mich.
Die andern sind die andern und werden es immer sein.
Das hier ist meins, das bin ich.
Während ich noch so in Gedanken meinen Spaziergang fortsetzte, schaute ich auf die Menschen um mich herum.
Mit einem Mal entdeckte ich ein vertrautes Gesicht.
Nein.
Das kann doch gar nicht sein.
Auch beim zweiten hingucken, sie war es.
Hier am anderen Ende der Welt traf ich eine ehemalige liebe Arbeitskollegin wieder.
Die Welt ist eben doch ein Dorf oder?
Wir mussten beide herzlich lachen, unterhielten uns kurz, um dann wieder jeder seiner Wege zu gehen.Hot Water Beach
Ohne zu wissen woher, war es da.
Der Gedanke, die Erkenntnis.
Ich bin erschöpft.
Nicht nur ein bisschen oder so.
Nein.
Dies ist eine völlig andere Art der Erschöpfung.
Ich bin es leid.
Viele Jahre meines Lebens brachte ich damit zu, zu kämpfen.
Stellte mich immer wieder, fast jeden Tag auf ein imaginäres Schlachtfeld, bereit um in den Kampf zu ziehen.
Meinen ganz eigenen Kampf, tag für Tag.
Verging überhaupt je einer ohne?
Dabei wünsche ich mir seit Jahren nichts mehr als glücklich zu sein, es leicht zu nehmen.
Schaue mich oft um, sehe viele andere Menschen, die es scheinbar so leicht haben oder oft leicht nehmen.
Verdammte Axt, wieso kann ich das denn nicht auch?
Stell ich mich vielleicht einfach zu dämlich an oder was?
Nein.
Inzwischen bin ich mir sicher, dass ist es nicht.
Ganz im Gegenteil.
Seit geraumer Zeit nicht erst hier auf der Reise sondern vorher schon, versuchte ich es.
Versuchte ein glückliches Leben zu leben.
Mehr Leichtigkeit und Freude hineinzulassen.
Mitunter klappte das auch ganz gut.
Bloß immer wieder kam ich an den Punkt, wo ich mich um ehrlich zu sein selbst sabotierte.
Wieso das bloß.
Ist das nicht total bescheuert?
Ja, das glaubte ich lange selbst.
Schließlich weiß ich doch soviel, da sollte da doch ein leichtes für mich sein.
Ich hab nur eine Kleinigkeit bei all dem übersehen.
Naja, fast 30 Jahre lang ziehe ich in die Schlacht, Tag für Tag, gegen mich selbst und all die Dinge, die eben nicht so sind wie ich sie gerne hätte.
Jetzt von einem Tag auf den anderen will ich plötzlich statt auf das Schlachtfeld auf die Blümchenwiese gehen und leichten Fußes umherstanzen vor Freude.
Hallo?
Ich kenne den Weg doch gar nicht.
Bisher stand ich zwar ohne Waffen dort, hörte auf zu kämpfen, aber immer noch auf dem Schlachtfeld.
Das dort nicht so viel mit Blümchen, Frieden und Leichtigkeit ist, versteht sich von selbst oder?
Also heißt es komplett Umdenken, dem ganzen einen völlig neuen Rahmen geben.
Wieso ich nun dennoch manchmal auf das Schlachtfeld geraten werde?
Völlig logisch.
Den Weg kenne ich, weiß was mich erwartet, fühlt sich vielleicht trotz alledem an, wie ein Stück zu Hause.
Nun heißt es neues zu Hause finden, mit Leichtigkeit und Freude.
Herausforderung, ich sehe dich und nehme dich an.
Wie die Wellen des Meeres ans Ufer traten, so kamen die Gedanken und Erkenntnisse zu mir.
Keine Ahnung wieso, doch irgendwann als Kind beschloss ich für mich, das Leben, welches für mich vorgesehen ist, möchte ich nicht.
Meinen eigenen Plan durchziehen traute ich mich auch nicht, hatte dabei alleine schon beim drandenken ein schlechtes Gewissen.
Zu dem einen sag ich nein und dann mach ich einfach was ich will?
Nee, das kann ich nicht tun.
Was tat ich also?
Suchte einen Kompromiss.
Am Strand nach all der Zeit ging mir auf, wie viel Zeit ins Land gegangen ist, seitdem ich als Kind diesen Entschluß unbewusst traf.
Viel zu oft unterdrückte ich meine innersten Wünsche, selbst wenn es darum ging, einfach mal was auszuprobieren.
Ich verbot es mir.
Geht nicht, kann ich nicht machen.
Wieso eigentlich nicht?
Um niemanden zu enttäuschen oder zu verletzen, die Erwartungen nicht zu erfüllen, weil ich dann nicht bin wie alle anderen?
Ehrlich?
Ja, diese Gedanken und einige andere hindern mich, zwingen mich in die Knie, wenn es darum geht mein eigenes Leben zu leben, so wie ich es will.
Schluß mit den Kompromissen.
Wer hat denn wirklich was davon?
Achja genau, niemand.
Wie bitte?
Und wieso bitte genau tat ich das dann all die Zeit?
Vielleicht um genau jetzt an diesen Punkt zu kommen.
Noch völlig unsicher , wie das geht so ohne Kompromiss und was es ist, wenn nicht das was ich bisher gemacht habe, bin ich dankbar für diese Gedanken, all die Fragen.
Scheinbar wird es klarer, Knoten lösen sich, die Dinge trauen sich an die Oberfläche damit ich sie mir anschauen kann.
Gut so.
Wie wird es am Ende ausgehen?
Wo und wie werde ich leben?
Was für ein Mensch will ich sein, wenn ich es mir aussuchen kann?
Plötzlich scheinen, die mir selbst gesetzten Grenzen keinen Bestand mehr zu haben, sich aufzulösen.
Wow.
Das ist verrückt und befreiend zugleich.
Mit all diesen Erkenntnissen sowie dem Duft des Meeres in der Nase lege ich mich gleich schlafen.Sunset at Hot Water Beach
Erfüllt voller Dankbarkeit und Liebe, für mich und das Leben, das ich geschenkt bekommen habe.
Zeit es endlich als solches zu betrachten, wertzuschätzen.
Stimmt.
Jetzt geht es für mich ab ins Bett.
Was ein Tag.
Wie es wohl morgen weiter geht.

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