Vom Mut zu gehen

Vom Mut zu gehenAngst

Ich bin gegangen.

Ohne zu wissen, ob es klappt.

Schaff ich das?

Was wenn nicht?

Zwischendurch gab es sogar einen Moment, wo ich glaubte es nicht zu überleben.

Und das am ersten Tag.

Verdammt!

So ein Mist.

Das konnte und sollte es noch nicht gewesen sein, durfte es nicht, ging mir dort oben auf den Pyrennäen durch den Kopf.

Viele meiner Weggefährten, die mich an diesem Tag sahen, sagten mir später, sie hatten dieselbe Angst.

Gut, dass wir uns alle irrten.

 

Der Jakobsweg – Camino Frances

799 km von Saint Jean Pied de Port – Santiago de Compostela

 

Ein paar Tage vor meiner Abreise zum Beginn meiner Pilgerreise, glühte meine gerade abgeklungene Lungenentzündung nochmal auf. Super Idee. Wer hat dich denn jetzt gerufen, dachte ich. Kannst du bitte wieder gehen? Ist gerade echt ungünstig. Stur und ja vielleicht auch verdammt leichtsinnig, rückblickend betrachtet, machte ich mich trotz allem auf den Weg. Ich alter Sturkopf, manchmal versuch ich es eben doch, mit dem Kopf durch die Wand zu kommen oder wie in diesem Fall mit unauskurierter Lungenentzündung auf den Jakobsweg. Prost, Mahlzeit.

Je näher mein Abflug rückte desto unruhiger wurde ich, ging immer wieder den Rucksack und die Ausrüstung durch.

Hab ich alles? Brauch ich noch was?

Zweifel schlossen sich den Fragen an.

Tue ich das richtige?

Keine Ahnung.

Gleichzeitig das Gefühl, es schon so lange zu wollen und nun ist es endlich soweit. Genau. Ich mach das jetzt. Richtig. Wird schon gut gehen. (Ich sollte mich noch wundern) Normalerweise bin ich der klassische Kontrollfreak, alles planen, organisieren, natürlich inklusive jeder Menge Listen. Dieses Mal klappte das nicht. Im Gegensatz zu manch anderen, die sich bereits ein Jahr lang auf den Camino vorbereitet hatten, kaufte ich mir den Reiseführer von Raimund Joos(ja, den gelben, den sie alle nehmen), nahm meinen Rucksack aus Neuseeland, ging die Liste im Buch durch, erinnerte mich an den Film und das Hörbuch von Hape Kerkeling und los gings.

Ziemlich naiv, ich weiß. Im Nachhinein gestehe ich, wäre mir vorher vieles von dem was mich auf diesem besonderen Weg erwarten sollte, vorab bewusst gewesen, wer weiß ob ich ihn dann gegangen wäre. (Es war die beste Entscheidung meines Lebens, den Kontrollfreak in den Urlaub zu schicken)

Meine Reise führte mich von Bilbao nach Bayonne, am zweiten Reisetag endlich nach Saint Jean Pied de Port. Ich weiß noch genau, wie ich mit einer lieben anderen Pilgerin, die ich in Bayonne kennenlernte, zusammen im Bus saß. Die Leichtigkeit vom letzten Abend war längst verflogen. Alles wurde von der Aufregung überdeckt. Was mich wohl erwartet? Hoffentlich ist es nicht allzu touristisch dort. Wen ich wohl noch so alles kennenlerne?

Am Ziel angekommen wurde mir beim Aufsetzen meines Rucksacks mulmig zu Mute. Geht´s hier schon los oder zählt das noch nicht? Mmmhh…. Wo geht´s lang? Ach da. Bin ja nicht die einzige.

Im örtlichen Pilgerbüro holte ich mir dann meinen obligatorischen Pilgerpass, inklusive dem ersten Stempel. Zusätzlich erhielt ich gegen eine Spende, die berühmte Jakobsmuschel (das Erkennungszeichen der Pilger) für meinen Rucksack. Die erste richtige Pilgerherberge meiner Reise lag direkt gegenüber, leider noch geschlossen.

Endlich dürfen wir in die Herberge. Ich bin mittlerweile verdammt aufgeregt. Plötzlich hat sich mein Status geändert. Seit dem Erhalt meines Pilgerausweises „Credential“ und der Muschel fühle ich mich seltsam. Vor dem was ich mir da überlegt habe, kriege ich einen riesen Respekt. Andererseits spüre ich beim Umschauen zu all den anderen, ich bin nun ein Teil von ihnen, der Gemeinschaft. Wahnsinn. Dass ich das mal mache, pilgern.

Auf dem gesamten Weg sollte mir der erste Abend und das dort erlebte noch lange in Erinnerung bleiben. Wir wuchsen in den wenigen Stunden zu einer Art kleiner Familie zusammen, ein besonderes Gefühl, dass ich so in dieser Art und Weise noch nie erlebt habe.

Auf die erste Nacht in der Herberge, ich konnte partout nicht schlafen (wieso bloß), folgte der Morgen. Irgendwann muss ich wohl doch eingeschlafen sein. Völlig übermüdet und zugleich aufgekratzt stehe ich auf. Es zieht mich raus, will los, endlich anfangen. Beim Gedanken an die heutige erste Etappe wird mir nämlich schon schlecht, da mir gestern gesagt wurde, statt einer Zwischenetappe muss ich heute die gesamten 27,1 km über die Pyrennäen laufen. Kein Bett mehr frei. Mist. Vorher heißt es aber erstmal frühstücken. Kurz vorher noch ein Blick raus auf die Straße.

Es ist 5:45 Uhr, leicht neblig und verdammt frisch.

Da, ich sehe den ersten Pilger loslaufen. Schnell frühstücken. Am liebsten wäre ich noch länger mit den anderen sitzen geblieben, aber ich musste los.

Also hieß es Abschied nehmen, der erste Abschied auf den noch so viele folgen sollten.

Mein Rucksack ist zu schwer, denke ich noch beim Hinausgehen. Wird schon gehen, red ich mir ein.

Dann stehe ich auf dem Weg, schaue die Straße entlang und laufe los.

Mir ist schon bei den ersten Schritten klar, dass wird nicht einfach werden und es wird alles ändern.

Dennoch oder gerade deshalb muss ich es tun.

Losgehen.

 

 

Fortsetzung folgt.

 

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