Wird mein erster Tag, mein letzter sein?

1. Etappe des Camino Frances nach Roncesvalles

 

 

Etwas mulmig ist mir schon zumute, als ich mir die Schuhe zu binde, mit dem Wissen im Hinterkopf, gleich geht´s los. Ich starte meinen Camino, meinen Weg nach Santiago de Compostela, ca. 800 km zu Fuß. Gleich die erste Etappe heute über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien insgesamt 27,1 km (laut Buch) flößt mir größten Respekt ein.

Das heutige Ziel heißt: Roncesvalles.

Gut, dann will ich mal, denke ich noch beim Hinaustreten aus der Tür meiner Herberge. Rufe den anderen noch ein „Buen Camino!“ zu und gehe los.

Auf dem Weg selbst sind Markierungen eingelassen, die uns Pilger zusätzlich zu den gelben Pfeilen und Muscheln, die Orientierung erleichtern sollen. Während meiner ersten Schritte, schaue ich nach oben in den Himmel, Pilgerin also, denke ich.

Kopfschüttelnd richte ich den Blick wieder auf die Straße, den Weg vor mir, raus aus dem Ort, hin zu den Bergen.

Schon nach den ersten Metern bevor ich den Bergen wirklich nah kommen kann, schmerzt mein Rucksack auf den Schultern. Da es morgens ziemlich frisch ist und auch die Etappe als einer der kältesten des ganzen Weges gilt, bin ich entsprechend angezogen.

Zusammen mit dem schweren Rucksack fälle ich vorsorglich die Entscheidung, absetzen werde ich dich mein lieber, nur im Notfall. Sonst wird das mit uns beiden nichts.

Die ersten bekannten Gesichter treffe ich gleich am Anfang meiner Etappe, ein schönes Gefühl. Wir alle sind jetzt schon eine große Gemeinschaft, mit dem selben Ziel.

Ja, ich erhalte auch ungefragte Ratschläge bezüglich meiner Schuhe, die sollte ich am besten gleich umtauschen gehen, wird mir geraten. Also bisher auf all meinen Wanderungen in Neuseeland erwiesen sie mir einen sehr guten Dienst. (Das ich später nicht mehr reinpassen werde und mir daher neue Schuhe kaufen muss, wusste ich da noch nicht) Damit werde ich wohl leben müssen, mit diesen Tipps und Tricks der anderen. Wahrscheinlich kennen die sich ja aus, denke ich noch. Bald aber ist keine Zeit mehr mich mit solchen Kleinigkeiten zu beschäftigen. Der Weg führt nämlich geradewegs in die Höhe. Immer weiter nach oben. Denk ich: Höher geht´s nicht mehr, werde ich eines Besseren belehrt. Wieso mache ich das hier überhaupt noch mal?

Beim Aufstieg wird mir natürlich sehr, sehr warm und mit der Vielzahl der Klamotten, die ich brav im Zwiebellagenlook trage, sorgen sie für meine ganz private kleine Sauna. Puh, verdammt.

Die ersten Pilger ziehen an mir mit besorgten Blicken vorüber und bieten mir ihre Hilfe an, beim Abnehmen des Monsters von meinem Rücken. Dabei ertappe ich mich beim Gedanken an das, was mir eine Freundin vorher sagte, die den Camino schon gelaufen ist: „Lass dir helfen, wenn du Hilfe brauchst.“ Ja mach ich, erwiderte ich damals.

Und jetzt? Sehe ich anscheinend so besorgniserregend aus, wie ich mich fühle. Na, bravo. Doch nicht am ersten Tag. Bitte. Wie sieht das denn aus?

Ich lerne einen sehr charmanten Italiener kennen, der mich fasziniert. Er verstand es in seinem ganz eigenen Tempo, sehr langsam, aber mit einem stoischen Lächeln auf den Lippen, jede Steigung zu meistern. Ist das vielleicht der Weg?

Bin ich zu schnell? Klar versuche ich das Tempo anzuziehen, weil mir klar ist, das ich da oben auf dem Berg nicht übernachten will und heute noch in Roncesvalles ankommen muss. Bloß um welchen Preis? Erst nach etlichen weiteren Kilometern komme ich mit ihm ins Gespräch, was sich durchaus als Herausforderung herausstellt, er spricht kaum Englisch und mein Italienisch ist eher mäßig vor allem bergauf. Also gebe ich auf.

Stattdessen laufe ich weiter bergauf. Am Anfang als sich über die Bergwipfel der Morgen, der neue Tag erhob, hatte ich durchaus noch ein Auge für diese einmalige Kulisse, durch die ich laufe.

Ein neuer Tag beginnt auf dem JakobswegDer Morgen erwacht über den PyrenäenStunden später und gefühlt immer noch nicht annähernd am Gipfel, kämpfe ich bereits.

Immer öfter geht der Blick nach oben. Meine Füße schmerzen. Mittlerweile schluckte ich meinen Stolz herunter, ließ mir beim Klamotten ausziehen, Rucksack justieren und Co. helfen.

Es kostete mich große Überwindung, aber selbst dafür gab es kaum Kraft mehr.

Die ersten Tränen liefen sehr früh, zu früh für meine Erwartung, meine Vorstellung, dieses Abenteuers, der ganzen Unternehmung.

Geht das jetzt so weiter?

Die Gedanken und auch die Gespräche fokussierten sich sehr schnell auf das wichtigste. Für Smalltalk oder anderen Schnack war keine Zeit und keine Luft oder gar Kraft übrig.

Im kleinen Gasthof, wo man normalerweise die Etappe halbieren kann, (leider keine Betten mehr), traf ich kurz auf Freunde, unterhielt mich, nur um dann weiterzukommen.

Zwischendurch half mir die Musik in meinen Ohren, sie motivierte mich, trieb mich vorwärts.

Dennoch spürte ich, die Kräfte lassen nach.

Statt Kälte erwartete uns je höher wir gingen, nämlich die pralle Sonne.

Von einer kleinen finnischen Pilgergruppe, mit der ich ab da, ein paarmal zusammen Pause machte, lernte ich an diesem Tag: „Es ist nicht die Strecke, die dich umbringt, sondern deine Geschwindigkeit.“

Wie recht sie behalten sollten. Aber dazu später.

Ich versuchte mich aufrecht zu halten, zu kämpfen, fühlte mich dankbar, das alles sehen zu können, wirklich.

Mich überraschten die Pferde oben auf dem Berg, die mit einer Glocke (die ich bisher nur von Kühen kannte) um den Hals über die Weiden galoppierten. Wahnsinn. Was für ein Anblick.Pferde auf dem Ibaneta Pass

Sie spiegelten für mich die völlige Freiheit wieder.

Wie musste sich die wohl anfühlen.

Schon konnte ich für einen Moment all meine Schmerzen vergessen. Welch Wohltat.

Doch nach dem Aufstieg ist vor dem Abstieg.

Respekt flößten mir vor allem zuvor die Aufstiege ein, dass Abstiege so hart sein könnten und ich irgendwann ein Gefälle von 18% laufen sollte, wusste ich da noch nicht.

Voller Stolz den Berg endlich erklommen zu haben, ging ich von einem einfachen Abstieg aus, freute mich sogar darauf.

Diese Freude sollte nur wenige Minuten anhalten.

Nämlich bis ich um die Ecke bog und den ersten Teil des Abstiegs der 1034 m erblickte.

Scheiße, scheiße, scheiße.

Was zur Hölle mach ich denn hier überhaupt? Wieso tu ich mir das an?

Die heißen Tränen, die mir bei diesem Anblick in die Augen schoßen, kann und will ich nicht aufhalten, sie müssen raus.

Ich bin fertig. Der gesamte Körper ist ein einziger Schmerz. Trotzdem ist mein Weg da noch runter.

Also lief ich nach der Erörterung keiner anderen Option, weiter Schritt für Schritt.

In meinem Körper kribbelte es irgendwann, an einem erhöhten Punkt stand die Telefonnummer für den Notruf: 112.

Ganz ehrlich? Kurz danach überlegte ich ernsthaft sie zu wählen. Wenn du keine Kraft mehr besitzt, jeder Schritt weh tut, dein Kreislauf sich auch vom Acker macht, bist du ganz schön allein auf weiter Flur.

Solche Gedanken wie: „Wenn ich jetzt hier sterbe, findet mich doch eh keiner“, stellten sich als überaus ungeeignet heraus.

Völliger Wahnsinn.

Zwischendurch rasselte meine Lunge. Nein, nicht die auch noch. Bleibt mir irgendwas erspart?

Die Blöße den Notruf zu wählen, nur um zu sagen: „Guten Tag, ich bräuchte Hilfe, hab mich übernommen, der Rucksack ist zu schwer und ich nicht fit genug, eigentlich sogar noch krank.“, ersparte ich mich dann doch. Klasse Idee.

Mein inneres Mantra war geboren, unter Tränen, sagte ich zu mir selbst:

„Ich muss weitergehen, einfach weitergehen.“

Die nächste Ecke erfolgreich gemeistert, nur um danach festzustellen, ich bin noch lange nicht da.

Meine Nerven gingen durch.

Ein französisches Ehepaar auf einem Spaziergang mit ihrem Hund sprach mich an: „Geht es Ihnen gut?“ Ernsthaft? Dein verdammter Ernst? Nein, mir geht es absolut nicht gut. Sieht man das nicht, schoss es mir in den Sinn. Ich zitterte vor Erschöpfung, dort unten im Tal erhob sich aus den umgebenden Bäumen ein Gebäude, was verdächtig wie mein Tagesziel aussah. Nein, bitte nicht.

„Nein, es geht mir nicht gut.“, bringe ich heraus. Die beiden scheinen irritiert aufgrund meiner Antwort. Was mich in meiner Annahme bestärkt, wenn du fragst musst du auch mit den Antworten leben können, ob sie dir gefallen oder nicht.

„Wo wollen sie denn hin?“, fragten sie daraufhin. „Roncesvalles“, brachte ich unter größter Anstrengung heraus.

Wieso auch immer entspannten sich die Gesichter der Spaziergänger nach meiner Antwort. „Na, dann sind sie ja bald da. Schauen sie, da, da unten ist es.“

Ihren Handbewegungen mit meinem Blick folgend, starrte ich sie danach fassungslos an. Das da unten ist Roncesvalles? Ich verstand beim besten Willen nicht, was daran gut sein sollte.

Schließlich befand ich mich, immer noch auf diesem Berg und nicht mal annähernd da unten.

Mir wurde noch Wasser angeboten, was ich ausschlug.

Zu groß der Schock über die Realität.

Schockiert stand ich eine ganze Weile da oben und schaute runter.

Wut auf mich selbst überkam mich. Wieso? Was? Eine Alternative gabs nicht, also weiter, immer weiter. Einige Kilometer später, das Ziel bereits wieder aus den Augen verloren, zitterte mein Körper wieder, atmen viel mir zunehmends schwerer, die Füße spürte ich kaum. Hilfesuchend blickte ich nach oben. Was soll ich tun? Es ist der erste Tag. Verdammt. Wie soll ich das nur schaffen? Mit einem Mal entwich mir auch der letzte kleine Funke Hoffnung und Kraft. Allen Ernstes fragte ich mich, ob ich das hier überleben würde.

Völlig am Ende ließ ich mich auf den Rasen fallen.

Fährt vielleicht bis hierhin ein Taxi? Bestimmt nicht.

Mir war klar, sitzen macht es auch nicht besser, bringt mich meinem Ziel nicht näher, doch es ging nichts mehr. Alles zu viel.

Mit allem hab ich gerechnet, aber das mich der Weg, am ersten Tag schon so an und über meine Grenzen hinaus bringen würde, nein, beim besten Willen nicht.

Aus dem Nichts hörte ich plötzlich eine Stimme, die mich fragt was los ist. Nach einigem hin und her schlägt er, ganz pragmatisch vor (er scheint überhaupt nicht erschöpft zu sein), dass er meinen Monster Rucksack nimmt und ich seinen nehmen soll. Zwecks fehlender Alternative und Motivation eine Nacht im freien zu übernachten, laufe ich zusammen mit ihm weiter.

Sein Rucksack fühlt sich federleicht an.

Mein Gott, wie wenig er wohl da drin hat.

Erschwerend kommt hinzu, er trägt meinen schweren Rucksack, als wäre das nichts. Absolut gar nichts.

Ganz großes Kino.

Mehr schlecht als recht kämpfe ich mich weiter, jeder weitere Schritt ist eine Qual, verlangt mir einfach alles ab. An die Möglichkeit, dass man mir bei meiner Ankunft in der Herberge sagen könnte, alle Betten seien belegt, mag ich gerade nicht denken.

Irgendwann sitze ich auf meinem Bett im Schlafsaal. Ich habs geschafft. Wahnsinn.

Nur eins ist mir klar, der Rucksack muss ausgemistet werden und zwar sofort.

Zur Belustigung des gesamten Schlafsaals, ja inzwischen kann ich durchaus auch über mich selber lachen, räume ich ihn komplett aus und sortiere aus.

Irritiert und belustigt fragt man mich bei einigen Dingen, wozu ich die dabei habe.

Naja, also beim Einpacken erschienen mir die durchaus logisch.

Wie zum Beispiel, der Hammer schlecht hin: Ein kleines GLAS!!!! Honig, als natürliches Antibiotikum gegen die abklingende Lungenentzündung. (AAAAhhhhhhh….)

Also mal realistisch gesehen, wäre ich heute gestorben, hätte mich das auch nicht gerettet.

Essen war auch noch genügend dabei und andere Sachen, wo ich selbst beim in die Hand nehmen, nur den Kopf schütteln konnte.

Oh Mann.

 

Fazit des Tages: Ich lebe noch. Fragt sich nur wie lange. Oder?

 

 

Fortsetzung folgt

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